Beat Drittenbass
lanciert in der Ostschweiz Veranstaltungen für die ältere Generation
Mit 85 Jahren steht Walter Walser noch immer in der Trainingshalle. Der Mitgründer des Boxclubs Rheintal in Au gibt seine Erfahrung gerne weiter.
Blickpunkt Manchmal entscheidet ein einziger Satz über den Verlauf eines Lebens. Als ein Mitlehrling den jungen Walter Walser einst fragte, ob er ihn ins Boxtraining begleiten wolle, ahnte wohl keiner der beiden, dass daraus eine Leidenschaft für Jahrzehnte entstehen würde. Während sein Kollege dem Sport bereits nach kurzer Zeit wieder den Rücken kehrte, ist Walser bis heute geblieben. Schon früh begegnete er einem erfolgreichen Techniker im Verein, der ihn förderte und ihm die Feinheiten des Boxsports näherbrachte. Nach einem Jahr intensiven Trainings stand er in Ravensburg erstmals im Ring. Der Kampf ging verloren, die Begeisterung blieb. «Diese Niederlage hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil, ich wollte besser werden», erinnert sich Walter Walser. Über 100 Amateurkämpfe in Deutschland, Österreich und der Schweiz später folgte die Ausbildung zum Wettkampftrainer in
Magglingen. Heute steht der 85-Jährige zwar nicht mehr als Wettkämpfer, aber noch immer als Trainer in der Halle und gibt seine Erfahrung an die nächste Generation weiter.
Nach der Militärzeit führte Walsers Weg ins Rheintal. Dort sollte er nicht nur eine neue Heimat finden, sondern auch den Grundstein für sein jahrzehntelanges Engagement im Boxsport legen. Nachdem er bereits den Boxclub Lustenau mitgegründet und als Trainer geleitet hatte, entstand Mitte der 1990er-Jahre gemeinsam mit ehemaligen Boxern die Idee eines eigenen Vereins. 1995 wurde der Boxclub Rheintal gegründet. Seither gehört Walser zu dessen prägenden Persönlichkeiten. Besonders stolz ist er darauf, dass der Verein seit über 30 Jahren seine Trainingsräumlichkeiten an der Bahnhofstrasse in Au selbst finanziert. «Wir haben nie eine öffentliche Turnhalle belegt», sagt er. Während viele Sportvereine auf öffentliche Infrastruktur angewiesen sind, stand der Boxclub Rheintal stets auf eigenen Beinen. Auch die Führung des Vereins blieb über viele Jahre Familiensache: Sohn Thomas leitete den Club während 26 Jahren als Präsident, ehe mit Christoph Sieber ein langjähriger Weggefährte und ehemaliger Boxer die Nachfolge übernahm.
Wer Boxen lediglich auf harte Treffer und oft ein blaues Auge reduziert, bekommt von Walter Walser freundlich aber bestimmt Nachhilfe. Für ihn gleicht der Sport vielmehr einem «Fechten ohne Waffe», bei dem Technik, Reaktionsvermögen und Köpfchen oft wichtiger sind als rohe Kraft. Viele Zuschauer würden gar nicht bemerken, wie stark ein Schlag durch geschicktes Ausweichen entschärft werde. «Es wird immer über das Boxen hergezogen. Viele kennen den Sport gar nicht richtig», meint Walser. Entsprechend vielseitig gestaltet sich auch das Training: Nach dem Aufwärmen stehen Technikübungen, Arbeit an den Geräten sowie Einheiten für Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer auf dem Programm. Das eigentliche Sparring nimmt dagegen nur einen kleinen Teil der Trainingszeit ein. «Wer im Ring Erfolg haben will, muss auch denken können», ist der erfahrene Trainer überzeugt. Kondition, Technik und mentale Stärke gehörten untrennbar zusammen. Oder wie es Walser formuliert: «Die mentale Stärke hilft oft über eine körperliche Schwäche hinweg».
Trotz aller Vorurteile sieht Walser den Boxsport gut aufgestellt. Die Sicherheitsvorschriften seien heute streng, Trainer und Ringrichter würden genau hinschauen und auch Ringärzte hätten jederzeit die Möglichkeit, einen Kampf zu unterbrechen. Nachwuchsprobleme hat der Verein praktisch nie gekannt, verändert hat sich heutzutage allerdings die Vereinstreue: «Früher haben viele sechs oder mehr Jahre für den Verein geboxt. Heute nehmen manche die Ausbildung mit und wechseln danach die Sportart», sagt Walser. Für Trainer sei das gelegentlich frustrierend, doch ändern lasse sich dieser Zeitgeist kaum. Umso wichtiger bleibt der Zusammenhalt innerhalb des Vereins. Dort werden nicht nur Schlagkombinationen geübt, sondern auch Werte wie Disziplin, Respekt und der Umgang mit Niederlagen vermittelt. Viele erfolgreiche Boxer seien später auch im Berufsleben erfolgreich, ist Walser überzeugt: «Sie lernen, auf ein Ziel hinzuarbeiten und mit Rückschlägen umzugehen.» Auch aus diesem Grund steht Walter Walser auch mit 85 Jahren noch regelmässig in der Trainingshalle: Nicht, weil er beweisen will, dass er noch boxen kann, sondern weil er weiss, dass die wichtigsten Lektionen des Boxsports weit über die Ringseile hinausreichen.
Von Angela Haldimann
Weitere Informationen:
Der nächste Heimkampf findet am 26. September in der Mehrzweckhalle in Au statt. Gegner ist Vorarlberg, der Kampf zählt zum Bodensee Cup.
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