Beat Drittenbass
lanciert in der Ostschweiz Veranstaltungen für die ältere Generation
Bruno Büchel ging der Liebe wegen nach Bielefeld. Bild: pd
Aus Liebe verliess Bruno Büchel St. Gallen. In Bielefeld fand der Künstler eine neue Heimat. Mit Humor und Farbe kämpft er sich durch den Alltag.
Region Manchmal beginnt ein neues Leben nicht mit einem grossen Knall, sondern mit einer Begegnung. Bei Bruno Büchel war es das Jahr 1994 und eine Frau. «Nach ein paar Jahren Fernbeziehung war es für mich leichter umzuziehen», sagt er heute. Dass er dafür seine vertraute Ostschweiz hinter sich liess, wirkt im Rückblick fast beiläufig. Doch wer ihm zuhört, merkt schnell: Dieser Schritt hatte Gewicht. Geboren 1947 in Altstätten, war Büchel zunächst alles andere als ein klassischer Auswanderer. Primarlehrer, später Berufsschullehrer, ein geregeltes Leben in St. Gallen. Und dann die Kunst: erst waren es Illustration, später freie Arbeiten in Grafik und Malerei. Heute lebt er als Künstler in Bielefeld, arbeitet in einem Atelier voller Geschichten und blickt auf ein Leben zurück, das sich immer wieder neu erfunden hat.
Der Umzug nach Deutschland war kein abrupter Schnitt. Büchel machte, was viele Vernünftige tun: Er liess sich eine Hintertür offen. Kontakte in der Schweiz, Aufträge, die er weiterhin betreute, ein Pendeln zwischen zwei Welten. «Mein Plan B bestand darin, dass ich hin und her arbeiten konnte», sagt er. Doch die Realität in Bielefeld zeigte schnell ihre eigene Farbe. Der Süden Deutschlands war ihm vertraut gewesen, der Norden nicht. «Die Mentalität ist eine ganz andere», sagt der Künstler, und man hört zwischen den Zeilen: direkter, vielleicht rauer, weniger geschniegelt als die Schweiz. Der Einstieg als Künstler? Zäh. «Ich musste mich erst einmal mit Brosamen begnügen.» Ein Satz, der trocken klingt, aber viel erzählt. Von kleinen Aufträgen, unsicheren Einnahmen und dem langen Atem, den es braucht, um sich in einer neuen Szene zu etablieren.
Die Suche nach einem Atelier begann unerquicklich. Ämter reagierten mit Schulterzucken, Angebote waren «unbezahlbar, dunkel, abgelegen, unbrauchbar.» Also griff Büchel zu einem fast altmodischen Mittel: eine Zeitungsannonce für neun Euro. Was folgte, klingt wie eine kleine Erzählung für sich. Ein Anwalt meldete sich. Vorstellung vor dem Familienrat. Und dann die Zusage: ein Büro, das frei wird, darf zum Atelier werden. Ein Haus voller Kultur sollte entstehen, direkt beim Skulpturenpark und Kunsthalle. «Da bin ich noch heute», sagt
Büchel. Und man spürt: Das ist mehr als ein Arbeitsplatz. Es ist ein Zuhause. Die Kunstszene in Bielefeld erweist sich als offener als erwartet.
Alternative Räume, Austausch, Unterstützung durch das Kulturamt. Ein Netzwerk, das trägt. Büchel fand Gleichgesinnte, betreibt mit Kollegen eine kleine Galerie, bleibt gleichzeitig mit Künstlern in der Schweiz verbunden. Ein Leben zwischen Grenzen, das längst keine mehr kannte.
Und dann ist da noch das Hochrad, eine tolle Replik. Büchel besass eines und hatte eine Idee. Um als Künstler aufzufallen, wollte er damit durch die Altstadt zu seinem Atelier fahren. Die Rechnung ging nur halb auf. «Die Leute interessierten sich für mein Hochrad und nicht für meine Kunst.» Er lacht, wenn er das erzählt. Statt als Künstler wurde er als Hochradfahrer wahrgenommen, «der auch noch malt.» Es ist dieser trockene Humor, der sich durch sein Leben zieht. «Am meisten lache ich, wenn mir ein Missgeschick passiert», sagt er. Und man ahnt: Diese Haltung hat ihm geholfen, schwierige Phasen zu überstehen. Sein Alltag heute ist ruhiger geworden. Nachmittage im Atelier, konzentriertes Arbeiten, Ideen, die sich langsam entfalten. Dazwischen Bewegung: Radfahren, Wandern in der flachen Landschaft rund um Bielefeld. Ein bewusster Ausgleich zur stillen Arbeit. Was ihm fehlt? «Die Nähe zum Bodensee.» Wasser, Weite, ein Stück Heimat. Und doch bleibt er: «Hier ist der Boden für Kunst weniger steinig.» Familie bedeutet ihm viel, auch wenn sie verstreut lebt. Drei Kinder, Enkelkinder, eine zweite Ehe. Viel Reisen gehört dazu, und es wird nicht leichter mit den Jahren. Trotzdem: Sein Entscheid steht. «Ich habe ihn nie bereut.»
Und wenn er über das Auswandern spricht, klingt er wie jemand, der es erlebt hat. Ohne Illusionen: «Wer denkt, das Gras sei auf der anderen Seite grüner, wird enttäuscht werden.» Bruno Büchel hat nie nach grünerem Gras gesucht. Er hat sich seinen eigenen Boden geschaffen – mit Farbe, Geduld und einer guten Portion Gelassenheit.
Von Benjamin Schmid
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