Beat Drittenbass
lanciert in der Ostschweiz Veranstaltungen für die ältere Generation
Markus Ritter (59) ist einer der mächtigsten Bauern der Schweiz – und einer der schnellsten Politiker in Bern. Im Hinblick auf die Abstimmung über die Ernährungsinitiative warnt der St. Galler Nationalrat vor einer «drakonischen» Umstellung der Schweizer Ernährung. Auf seinem Hof in Altstätten zeigt er, was moderne Landwirtschaft heute bedeutet. Und er verrät, wann seine politische Karriere in Bern definitiv endet.
Die Sonne steht über dem Rheintal, als Markus Ritter über seinen Hof in Altstätten führt. Kühe, Wiesen, Obstbäume – und mittendrin ein Stallneubau, der eher an ein Hightech-Unternehmen als an eine traditionelle Landwirtschaft erinnert. Melkroboter, Entmistungsroboter, Futterförderband, Solaranlage. Die Mistgabel gehört schon fast ins Museum.
Ritter hat den Hof mittlerweile seinen Söhnen Daniel und Adrian übergeben. Die beiden sind heute für Tiere, Maschinen und die Zukunft des Betriebs verantwortlich. Der Vater hilft noch in der Buchhaltung und dort, wo er gebraucht wird. Ritter bleibt stehen und blickt ins Tal. «Hier ist das Rheintal am breitesten», sagt er. «Doch als Grenzkanton sind wir mit vielen Problemen unmittelbarer konfrontiert als andere Gegenden.» Ein Satz, der auch gut zu seinem politischen Leben passt: Ritter denkt vom konkreten Ort aus – und landet fast zwangsläufig in Bern.
Herr Ritter, die Ernährungsinitiative wird stark mit vegetarischer und veganer Ernährung verbunden. Ist dies eine Debatte über Landwirtschaft – oder über den Lebensstil der Schweizer Bevölkerung?
Markus Ritter: Es ist beides. Aber wir müssen schon zur Kenntnis nehmen, dass reine Veganer und Vegetarier eine kleine Minderheit sind. Rund 0,6 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten sind vegan, 5,4 Prozent vegetarisch. Viel grösser ist die Gruppe der Menschen, die ihren Konsum flexibel gestaltet. Ich gehöre da manchmal auch dazu. Ich esse gerne einen Käsefladen, und dann gibt es vielleicht einmal einen Tag ohne Fleisch.
«Flexitarier» nennt man das heute.
Das ist eigentlich ein ziemlich blödes Wort. Der Mensch isst ja grundsätzlich alles. Entscheidend ist: Die Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten sind unterschiedlich.
Die Initiative verlangt eine Erhöhung des Netto-Selbstversorgungsgrades auf 70 Prozent. Sie haben dieses Ziel als utopisch bezeichnet. Warum?
Weil wir heute bei etwa 42 bis 46 Prozent liegen. Wir müssten unsere landwirtschaftliche Produktion an Kalorien also massiv steigern. Gleichzeitig haben wir heute deutlich weniger Landwirtschaftsfläche als früher. Während des Zweiten Weltkriegs hatten wir rund 200'000 Hektaren mehr Landwirtschaftsfläche und nur halb so viele Einwohner.
Und trotzdem wurde damals eine Selbstversorgung von 70 Prozent erreicht.
Ja – mit einer staatlich orchestrierten Anbauschlacht. Jeder Quadratmeter wurde genutzt. Gleichzeitig ernährte sich die Bevölkerung viel stärker pflanzlich. Im Rheintal gab es Ribel, anderswo Griesmus oder Haferbrei. Fleisch, Milchprodukte und Eier waren knapp und auch rationiert.
Sie sagen also: 70 Prozent Selbstversorgung sind möglich – aber nur mit einer völlig anderen Ernährung?
Nein, es ist aus meiner Sicht nicht möglich. Wenn wir 70 Prozent netto erreichen wollten, müssen wir sehr stark auf pflanzliche Ernährung setzen und die Landwirtschaft völlig umkrempeln. Und dann muss man der Bevölkerung auch ehrlich sagen, was das bedeutet: Die staatlich verordneten Einschränkungen für die Konsumentinnen und Konsumenten wären enorm.
Was würde die Initiative für Ihren eigenen Hof bedeuten?
Wir haben einen Biobetrieb, Milchvieh und Fleischproduktion, dazu Weizen, Mais und Kunstwiesen sowie rund 150 Hochstamm-Obstbäume. Unsere Kühe geben vielleicht 6000 bis 7000 Liter Milch pro Jahr. Beim Weizen erreichen wir etwa 50 Kilo pro Are. Konventionelle Betriebe kommen auf 80, 90 oder teilweise 100 Kilo.
Das klingt paradox: Eine Initiative, die sich auch auf Nachhaltigkeit beruft, könnte ausgerechnet den Biolandbau unter Druck setzen?
Ja. Wenn der Staat in der Verfassung verpflichtet wird, die pflanzliche Ernährung und die Kalorienproduktion mit allen verfügbaren Instrumenten zu fördern – von Bildung und Forschung bis zu Direktzahlungen und Absatzförderung –, dann wird die tierische Produktion zwangsläufig weniger unterstützt. Und gleichzeitig steigt der Druck, auf den vorhandenen Flächen möglichst hohe pflanzliche Erträge zu erzielen.
Dann wäre intensive Landwirtschaft gefragt?
Ja. Mehr Dünger, mehr Pflanzenschutz und weniger Biodiversitätsförderflächen. Heute haben wir rund 200'000 Hektaren Biodiversitätsförderflächen, die 20 Prozent unseres landwirtschaftlichen Kulturlandes ausmachen. Auf diesen Flächen produzieren wir nur sehr wenige Lebensmittel. Wenn man die Kalorienproduktion massiv erhöhen will, geraten auch diese Flächen unter Druck.
Das klingt ziemlich dramatisch. Ist das nicht Panikmache?
Nein. Das ist eine nüchterne Beschreibung der Konsequenzen der Initiative. Man muss der Bevölkerung sagen: Wenn ihr dieses Ziel wollt, müsst ihr wissen, was auf euch zukommt.
Weshalb ist die Schweiz diesbezüglich in einer besonderen Situation?
Unsere Landesfläche besteht aus einem knappen Drittel Wald und rund einem Viertel Stein und Fels in den Bergen. Dazu kommen die Siedlungsflächen mit acht Prozent und die extensiven Alpweiden mit 12 Prozent. Uns bleibt rund ein Viertel oder eine Million Hektar an Fläche für die Lebensmittelproduktion. Deshalb stellt sich die Frage: Wie intensiv wollen wir diese Flächen bewirtschaften?
Sie sind selber Biobauer. Was sagen Ihre Söhne zur politischen Auseinandersetzung ihres Vaters?
Sie haben den Betrieb übernommen und müssen mit den politischen Rahmenbedingungen leben. Wir haben ihnen einen modernen Betrieb übergeben. Der neue Stall bietet Platz für 43 Kühe und arbeitet mit modernster Technik. Die Photovoltaikanlage deckt unseren eigenen Strombedarf, rund 70 Prozent der Produktion können wir zusätzlich ins Netz einspeisen. Ein Melkroboter übernimmt einen grossen Teil der Arbeit.
Und trotzdem ist die Mistgabel nicht vollständig verschwunden?
Nein. (lacht) Aber moderne Technik gehört heute auf einem Landwirtschaftsbetrieb vielfach dazu. Sie erleichtert die Arbeit und gibt den jungen Leuten auch eine Perspektive.
Sie sind Präsident des Bauernverbands. Wie optimistisch sind Sie vor dem 27. September?
Ich gehe davon aus, dass es ein Nein zur Ernährungsinitiative geben müsste. Eine solche Konstellation habe ich in meinen 15 Jahren als Nationalrat noch nie erlebt: Die Initiative wurde in National- und Ständerat einstimmig abgelehnt. Keine Ja-Stimme, keine Enthaltung.
Was macht Sie so sicher?
Die Argumente gegen die Initiative kommen von sehr unterschiedlichen Seiten. Bürgerliche kritisieren die starke Bevormundung beim Konsum. Linke Kreise sehen die Gefahr höherer Lebensmittelpreise und sozialer Folgen. Umweltverbände befürchten eine Intensivierung der Landwirtschaft. Und selbst Pro Natura hat die Nein-Parole beschlossen.
Also eine seltene Allianz?
Ja. Die Allianz gegen diese Initiative ist sehr breit. Es geht längst nicht nur um die Landwirtschaft.
Am gleichen Abstimmungssonntag geht es auch um die Neutralitätsinitiative. Der Bauernverband hat keine Parole gefasst. Wie stimmen Sie persönlich?
Ich hätte mir einen Gegenvorschlag gewünscht. Die Neutralität ist für die Schweiz wichtig. Aber das Wording der Initiative geht mir zu weit.
Was stört Sie?
Wenn Russland die Ukraine völkerrechtswidrig angreift und die Schweiz bei den Sanktionen völlig abseitssteht, ist das international kaum zu erklären. Die Schweiz braucht eine gewisse Solidarität mit der internationalen Gemeinschaft. Gleichzeitig müssen wir unsere Neutralität bewahren.
Also Neutralität ja, aber nicht als starres Korsett?
Genau. Man braucht Interpretationsspielraum. Jeder internationale Konflikt ist anders. Die Schweiz muss klug handeln und ihre Interessen wahren.
Sie sind seit 1993 politisch aktiv. Was hat sich seither am stärksten verändert?
Die Kommunikation. Als ich angefangen habe, hatte ich nicht einmal einen Computer. Ich hatte eine Speicherschreibmaschine. Kein Internet, keine E-Mail. Heute läuft alles in einer unglaublichen Geschwindigkeit.
Sie haben einmal gesagt: «In Bern frisst nicht der Grosse den Kleinen. In Bern frisst der Schnelle den Langsamen.»
Das gilt heute mehr denn je. Mit E-Mail und sozialen Medien hat sich die politische Kommunikation massiv beschleunigt.
Sie haben in Altstätten jahrelang die Baukommission geleitet. Wie wichtig war diese kommunale Erfahrung für Ihre Karriere?
Sehr wichtig. In der Gemeindepolitik bist du dem Bürger und seiner Meinung sehr nahe. Die Leute sagen dir, wenn etwas nicht funktioniert. Man lernt zu verhandeln und Lösungen zu finden, die mehrheitsfähig sind. Diese Erfahrung war für mich eine ideale Schule und die Grundlage aller späteren Tätigkeiten.
Und wie wird St. Gallen heute in Bern wahrgenommen?
Ich habe das Gefühl: sehr stark. Wir haben mit Karin Keller-Sutter eine sehr fähige Bundesrätin, dazu eine starke Delegation im Parlament. Und wenn es um wichtige Ostschweizer Themen geht, können wir uns über die Kantons- und Parteigrenzen hinweg zusammenraufen.
Was braucht St. Gallen konkret?
Grenzsicherheit ist ein Thema. Dann müssen die Investitionen in Infrastruktur und öffentlichen Verkehr auch in die Ostschweiz fliessen. Und wirtschaftlich brauchen wir Innovation, starke Fachhochschulen, die Universität St. Gallen und Unterstützung für unsere KMU.
Sie wollten Bundesrat werden. Wie gross ist die Enttäuschung, dass es nicht geklappt hat?
Ich hätte das sehr gerne gemacht. Mit Begeisterung und Herzblut. Aber das Parlament hat demokratisch anders entschieden. Das habe ich sofort akzeptiert.
Und vielleicht ist Ihnen dadurch auch einiges erspart geblieben?
Sehr viel. (lacht) Im VBS gibt es grosse Probleme – bei den Finanzen, beim F-35, bei den IT-Projekten. Das alles war bekannt. Ich bin deshalb nicht unglücklich, dass ich meine bisherigen Aufgaben weiterführen konnte.
Sie haben angekündigt, Ende 2028 definitiv aus der Politik auszuscheiden. Ist das noch immer so?
Ja. 2027 trete ich noch einmal für den Nationalrat an. Ende 2028 werde ich das Präsidium des Bauernverbands abgeben und danach auch das Parlament verlassen.
Warum kündigen Sie Ihren Rückzug so früh an?
Weil ich finde, dass eine Organisation Zeit braucht, um eine Nachfolge vorzubereiten. Für mich ist Führung nicht nur eine Frage der Funktion. Es geht auch darum, Menschen mitzunehmen und fachlich überzeugen zu können. Je stärker diese beiden Elemente sind, desto früher kann man einen Rücktritt ankündigen.
Was soll von Markus Ritter politisch bleiben?
Die Agrarpolitik 2030 ist mein letztes grosses Projekt. Sie soll die Schweizer Landwirtschaft bis 2042 politisch prägen. Es ist sehr wichtig, dass wir kluge Grundlagen für unsere Zukunft und jene unserer Kinder schaffen können. Es geht um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Wertschöpfung, Einkommen und Perspektiven für die Jungen.
Und persönlich?
Mir ist wichtig, dass der Bauernverband gut vernetzt und etabliert ist und ihm die Menschen mit Respekt begegnen. Und dass man am Schluss sagen kann: Da geht etwas. Die Leute sind mit Schwung unterwegs und erreichen wichtige Ziele.
Und wenn Sie in die Zukunft Ihrer Söhne auf diesem Hof blicken – hätten Sie die Rolle als Bundesrat wirklich noch gebraucht?
Ich bin heute sehr zufrieden. Als Landwirt, nahe bei den Tieren und in der Natur, ist man mindestens so glücklich wie als Bundesrat.
Interview: Thomas Renggli
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